Artikel vom 28.01.2020

Trautermin geplatzt: Standesamt lehnt homosexuelles Paar ab



Männer, die Männer heiraten. Frauen, die zur Frau ihres Lebens Ja sagen - inzwischen im Standesamt selbstverständlich. Oder? Der Dombauverein Xanten, Hausherr einer pittoresken Standesamt-Location, fühlte sich bei Abweichungen von heterosexueller Trautradition anscheinend unwohl - und zog den bereits vergebenen Trautermin wieder zurück.

Xantener Dombauverein lehnt schwule Trauung ab

Xanten am Niederrhein: Nick Heuser möchte mit seinem Verlobten Mike den Bund fürs Leben eingehen, aber nicht kirchlich heiraten. Trotzdem soll der Tag der standesamtlichen Hochzeit wunderschön werden. Dazu hat sich das schwule Paar das mittelalterlich-romantische Ambiente des Haus Thomas neben dem Xantener Dom ausgeguckt. Auch die Stadt Xanten wirbt auf seiner Homepage mit seinem "sehr würdevollem Rahmen"" für die Hochzeit. Eine Traumlocation, in der der Dombauverein Xanten das Hausrecht ausübt. Nick Heuser hat den Trautermin und eine Einladung zur Besichtigung schon in der Tasche, als das Unglaubliche passiert: Die Mitarbeiterin des kirchnahen Vereins rudert zurück, als sich herausstellt: Die erwartete Braut ist ein Bräutigam! Und eine schwule Trauung passe nicht zur sehr katholisch geprägten Umgebung.

Irritiert: Xantens Bürgermeister will Trauung selbst durchführen

Eine Ablehnung, die Wellen schlug: Nicht nur das Paar selbst, auch Xantens Bürgermeister Thomas Görtz (CDU) höchstpersönlich zeigte sich verblüfft - und nahm Partei. Görtz bot an, die Trauung selbst durchzuführen - man sei schließlich im 21. Jahrhundert. Derartig unter Druck, sah sich der Verein zur Erhaltung des Xantener Domes e.V. - erstmalig mit dem Ortswunsch eines homosexuellen Paares konfrontiert - zu einer Grundsatzentscheidung genötigt. Zumal auch dessen zweiter Vorsitzender, Rechtsanwalt Adrian Thyssen, überrascht auf die Ablehnung des Regebogen-Trautermins reagiert hatte. Auch Mitarbeiter der Dom-Gemeinde St. Viktor distanzierten sich vom Hochzeitsverbot des Dombauvereins.

Ehe für alle: Noch nicht in den Köpfen angekommen?

Ja, ihr dürft kommen und in eurem Wunsch-Standesamt heiraten, entschied kurz darauf der Dombauverein. Am schönsten Tag nur geduldet? Nicht mit uns, so Nick und Mike, die inzwischen weitergezogen waren. Um an einem Ort zu heiraten, wo sie willkommen sind und nicht wegen ihrer sexuellen Orientierung abgelehnt werden. Damit ist das Paar in guter Gesellschaft: Bis Ende 2018 haben deutsche Standesämter gut 33.000 gleichgeschlechtliche Paare getraut - ein Anteil an sämtlichen Eheschließungen von 7,3 Prozent seit Öffnung der Ehe für alle in 2017. Damit war Deutschland das weltweit 22. Land, das Schwule und Lesben eherechtlich gleichstellte. Eine Entscheidung, die anscheinend ihre Zeit braucht, um in den Köpfen und im Alltag anzukommen. Schließlich war das Haus Thomas einst offiziell zum Trauungsort des Standesamtes erklärt worden. Der Hausherr, hier der Dombauverein, hatte zugestimmt. Insofern bestand rein rechtlich keine Handhabe, eine Amtshandlung wie eine Trauung zu untersagen.

Standesamt Grevenbroich: Klosterpforten dicht für Trauungen

Xanten ist nicht der erste Fall dieser Art: 2018 weigerte sich das Kloster Langwaden in Grevenbroich trotz Öffnung der Ehe für alle, gleichgeschlechtliche Paare als Eheleute zu akzeptieren. Und duldete nur Ehen im Sinne der katholischen Kirche. Um Trauwünschen schwuler und lesbischer Brautleute auszuweichen, entschied man sich in Grevenbroich, überhaupt keine Eheschließungen mehr im Kloster durchzuführen. Noch immer beklagen gleichgeschlechtliche Paare bundesweit eine gewisse Sonderbehandlung. Bis solche Trauungen und Ehen in den Augen der Gesellschaft Normalität sind, scheint es Zeit zu brauchen. So könnte die Ablehnung der Trauung durch besagte Mitarbeiterin nur die Spitze eines Eisbergs sein. In wie vielen Fällen es gleichgeschlechtlichen Verlobten aus vorgeschobenen Gründen schwergemacht wird, ihren Termin im Wunsch-Standesamt zu bekommen, bleibt wohl im Dunkeln.

Standesamt 2020: Weltnähe und Toleranz

Wahrscheinlich hat das Brautpaar Nick und Mike Toleranz und Modernität derer überschätzt, in deren Räumlichkeiten sie so gern Ja! sagen wollten. Warum nicht gleich ein Standesamt als Trauort wählen, dessen Verantwortliche sich durch Weltnähe und Toleranz auszeichnen? Denn nicht das homosexuelle Paar ist es, das nicht ins gewünschte Ambiente passt. Sondern es sind Ablehnungen wie in Xanten, die nicht mehr ins 21. Jahrhundert passen.

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